Wissualisierung

Konzeption, Umsetzung und Präsentation computerunterstützter Wissensvermittlung

4.7 Programmvorgaben

Eine oftmals an PowerPoint geübte Kritik ist, dass das Programm den Stil eines Vortrags präge, indem stilistische Einstellungen und Vorgaben der Software in die Gestaltung der Präsentation einfließen (Müller Prove 2009, S. 45). AnwenderInnen würden sich an die Vorgaben des Programms anpassen und nur solche Lösungswege einschlagen, die mit der Software einfach zu realisieren seien (Müller Prove 2009, S. 46). „Gerade die halbautomatischen Prozessschritte, die fest in das Software-Paket eingebaut sind, wirken sich auf den Inhalt von Präsentationen aus: Das beste Beispiel hierfür ist der berüchtigte AutoContent Wizard“ (Bieber 2009, S. 132). Die Planung und Entwicklung einer Präsentation werde von der Software gesteuert. Sie beaufsichtige den Gestaltungsprozess und schränke bei konsequenter Anwendung von Standardvorlagen und konkreten Gestaltungshinweisen die Kreativität der Benutzer ein (Bieber 2009, S. 132–133). Pötzsch hebt die positive Funktion des AutoContentWizard hervor, der in der ersten Zeit der Verbreitung des Programms den NutzerInnen dabei half, eine Vorstellung davon zu bekommen, wie Präsentationen auszusehen haben, weil der AutoContentWizard Vorlagen bereitgestellt hat, die als Muster idealtypischer Präsentationen angesehen werden konnten (Pötzsch 2007, S. 90). Pflüger (2009) betont die ratgebende Funktion des Assistenten: „Der einhellige Schimpf, der dem AutoContent Wizard angetan wird, kommt mir etwas scheinheilig vor, denn hier wird eigentlich nur in Matrizen gegossen, was andernorts als guter und manchmal teurer Rat gegeben wird“ (Pflüger 2009, S. 169). Für Pflüger sind beispielsweise die Empfehlungen für eine Folie zur Diskussionsleitung, auf der Inhalte vorgeschlagen werden wie: „»Wecken Sie Interesse durch: ∙ ein bemerkenswertes Ereignis • einen Erlebnisbericht • eine persönliche Empfehlung • ein Zitat«“ (Pflüger 2009, S. 169), mehr oder weniger die alten, die besagen „mit einem Scherz, einer Geschichte oder einer Provokation die Aufmerksamkeit des Publikums zu erregen (…)“ (Pflüger 2009, S. 169). Yates/Orliowski sehen den Vorteil der automatisierten Programmfunktionen darin, dass es BenutzerInnen ermöglicht wird, bestimmte Arten visueller Effekte zu erzeugen, sie werden dadurch aber gleichzeitig auch eingeschränkt, weil es schwierig ist, über die von Powerpoint zur Verfügung gestellten Vorlagen hinauszugehen und eigene Vorlagen zu erstellen bzw. Änderungen an vorhandenen Vorlagen vorzunehmen. Die vom Programm vorgegebenen „templates“ bieten eine Bandbreite von Mustern, Hintergründen und Farben, aus denen die BenutzerIn auswählen kann. Diese vom Programm angebotenen Vorlagen sind sehr ausgefallen und viele von ihnen sind zu kompliziert und ablenkend und entsprechen nicht mehr den Designvorstellungen heutiger Experten auf diesem Gebiet. Beim Erstellen einer neuen Präsentation stellt die Software zwölf Optionen für den Folientyp zur Verfügung, wie beispielsweise eine Titel-Folie, eine Aufzählungsliste, ein Bild, eine Tabelle oder eine leere Seite, in die man eine grafische Darstellung, ein Foto oder anderes Bildmaterial einfügen kann (Yates, Orlikowski 2007a, S. 240). Vorgegebene Foliendesigns werden dadurch, dass sie im Programm integriert und einfach anwendbar sind, häufig verwendet. Für DesignexpertInnen sind diese vorgegebenen Designs aber eher beschränkend als ermöglichend, weil es schwierig ist, die Programmvorgaben zu umgehen und Folien mit einem individuellen optischen Erscheinungsbild auszustatten (Yates, Orlikowski 2007a, S. 241). Pötzsch hält der oftmals angeprangerten Einflussnahme des Programms auf die Gestaltung entgegen: „Allein die Tatsache, dass es in PowerPoint Folientypen gibt, die vom Standard des Programms abweichen, spricht für die Aneignung des Mediums durch die Nutzer und damit gegen den angeblichen Determinismus des Programms“ (Pötzsch 2007, S. 95).

Im nachfolgenden empirischen Teil wird dargestellt, wie die laufende Präsentationspraxis im wissenschaftlichen Bereich und in Unternehmen aussieht und inwieweit sich diese Praxis mit den Herangehensweisen in der Ratgeberliteratur deckt.